
In Florian L. Arnolds Novelle „Die Zeit so still“ hat ein Virus die Welt befallen, er überträgt sich durch Aerosole. Die Menschen sind in ihren Wohnungen „zwangseinkasaniert“ worden. Die Kinder sind besonders ansteckende Überträger und werden aus ihren Familien gerissen und in Heime gesteckt, um die Bevölkerung zu schützen. So der Ausgangspunkt.
Das Warten auf die zweitäglichen Essensrationen, auf die Nachrichtensendungen und den Schlaf, darauf, dass etwas passiert, zermürbt den Protagonisten Max so sehr (vielleicht heisst er nicht ohne Grund mit Nachnamen Goudeau – eine lautsprachliche Ähnlichkeit), dass er aus seiner Wohnung, aus der Enge und Stille ausbricht und in Freiheit durch die Straßen zieht. Bald steigt er in die noch immer fahrende Straßenbahn, in der einzig der Fahrer Garham vorne am Steuer sitzt und ein Buch festumklammert hält. Während die beiden durch die Nacht bis zur Endhaltestelle fahren, erfährt Max, was es mit dem Buch auf sich hat und, dass Garham vor vielen Jahren einen Menschen tötete …
Trotz dieser dystopisch auf die Spitze getriebenen Corona-Endzeitstimmung am Anfang des Textes mündet die Geschichte in ein hoffnungsfrohes Ende.
Eine spannende Erzählung, die mich sofort in einen Lesesog gezogen hat und die sehr berührend ist, voller menschlicher Wärme und Mitgefühl. Florian Arnolds poetische Sprache ist eine wahre Lesefreude.
Die Kommentare in den Seitenspalten habe ich als eine übergeordnete Erzählstimme empfunden, die mit Zitaten die Situation des Protagonisten verdeutlichen.
Eine Novelle von hoher literarischer Qualität. Die Illustrationen hat der Autor selbst angefertigt. Große Leseempfehlung für alle, die sich dem Schrecken der ersten Coronawelle nochmal stellen möchten oder ihn verarbeiten wollen.
