
Ein Mann kehrt in seine Heimat Flandern zurück, um den Nachlass seiner toten Mutter zu regeln. In kurzen Kapiteln erinnert er sich, an die alkoholsüchtige Mutter, die ihn misshandelt und gequält hat. Alle Arten und Sorten von körperlicher, sprachlicher und emotionaler Gewalt, die man einem Kind antun kann, werden hier geschildert. Es ist verstörend und heftig und tat mir beim Lesen richtig weh. All die Verletzungen und Narben, blauen Flecke und die ausgekugelte Schulter bleiben unentdeckt, vermutlich, weil der Junge sie verheimlicht und sich selbst als „Tollpatsch“ bezeichnet.
Diesen „Erinnerungen“ steht jeweils ein Abschnitt der Gegenwart gegenüber. Der Protagonist trifft in der Heimatstadt seine erste, große Liebe wieder, die ihm in der Jugend Geborgenheit und Halt gab und mit dem er seine Homosexualität entdeckte.
Auch wenn es aufgrund der expliziten Liebesszene so wirkt, steht hier meiner Meinung nach nicht das Körperliche im Mittelpunkt, sondern die seelische Verbundenheit, Intimität und das Einandersehen und verstehen.
Es ist eine radikale Gegenüberstellung, die der Autor Angelo Tijssens da vornimmt. Auf der einen Seite die mütterlichen Mißhandlungen, all der Schmerz, die Einsamkeit und Ablehnung, die der Protagonist erlebt und auf der anderen Seite die Liebesszene mit seinem Exfreund, der für Zuflucht, Respekt, Liebe und Geborgenheit steht.
Als Leser*in taucht man in ein Wechselbad der Gefühle und wird zwischen dem Hass der Mutter und der Liebe der beiden erwachsenen Männer hin und her geworfen. Ein heftiger Gegensatz, der sich da auf tut und in den wir Lesenden hineingezogen werden, vielleicht macht das auch den Sog aus, der mich von der ersten Seite gepackt hat – immer mit der Hoffnung im Hinterkopf, dass der Protagonist dieser monströsen Mutter (sicherlich nicht unbeschadet) entkommen kann.
Ein berührender Text, der Empathie und Demut frei- und Gedanken in Gang setzt.
Sicherlich ein Werk, das lange im Gedächtnis bleibt! Große Leseempfehlung!
Aber Obacht: Explizite Schilderung von Gewalt.
#namethetranslator : Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Erschienen im Rowohlt Verlag
