
Ich war sehr gespannt auf Deniz Ohdes kürzlich bei Suhrkamp erschienen Roman „Ich stell mich schlafend“, weil ich ihr Debüt „Streulicht“ so eindrucksvoll fand.
Ich wurde nicht enttäuscht. Literarisch überzeugend und in eindringlichen Bildern schildert Ohde eine toxische Beziehung.
„Ich stelle mich schlafend“ handelt von Yasmin, genannt Yase, die sich als Jugendliche in Vito schockverliebt.
Es ist diese Art von überbordenem, jugendlichen Verliebtseins, bei dem der Anblick des fremden Wesen heftige Schwärmerein oder sogar Liebesgefühle freisetzt, ohne sich näher zu kennen.
Kurz nachdem sie zusammenkommen, hat Yase allerdings einen Reitunfall und muss für vier Wochen wegen einer Rückenverletzung und einer entdeckten Skoliose ins Sanatorium. Sie kommt dabei sich selbst und ihrem Körper näher, bemerkt aber auch, dass er für Männer ein Sexualobjekt ist. Aus Selbstschutz zieht sie sich zurück und bricht nach ihrer Rückkehr auch mit Vito.
Im Folgenden erfahren wir in detaillierten Beschreibungen Yases Lebensweg. Sie macht eine kaufmännische Ausbildung, hat verschiedene Liebschaften, trifft dann Hermann, der ihr gut tut und mit dem sie lebt, bis sie schließlich Vito wiederbegegnet und in eine Gewaltbeziehung gleitet …
Die psychologischen Erläuterungen, die Ohde hier und da einfügt, hätte es für mich gar nicht gebraucht, so einfühlsam ist der Text geschrieben. Ganz leise und subtil rutschen wir mit Yase ins Unglück, in eine Beziehung mit einem Mann, von dem sie geglaubt hatte, er sei ihre wahre Liebe.
Wir wissen es allerdings besser, in Rückblicken (in Yases Gespräch mit Vitos ehemaligem Freund Sascha) erfahren wir wie kalt, rücksichtslos und manipulativ er ist.
Leserinnen wird das Buch wütend machen (mich jedenfalls), denn es ist die uralte Geschichte von männlicher Dominanz und Übergriffigkeit, von Macht und Gewalt: Deniz Ohde erzählt sie hochaktuell und sprachlich virtuos. Leseempfehlung!
